Nachhaltigkeit
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26.05.2022

Welt(wirtschaft) im Umbruch

Nachhaltigkeit

Ein Kongress des Think Tanks Club of Logistics widmete sich den Themen rund um die Kräfteverschiebungen innerhalb der führenden Wirtschaftsregionen und -mächte. 

Mario Cavallucci, Matthias Magnor, Dieter Schnaas, Marc Meier, Andreas Ch. Kujawski

China ist nicht die unüberwindliche Supermacht, als die es sich gerne sehen würde; der Krieg um die Ukraine wird die Bedeutung des Ost-West-Handels dauerhaft beeinträchtigen; und die zunehmende Unsicherheit scheinbar stabiler Supply Chains wird die Logistikindustrie vor große Herausforderungen stellen. Dies sind einige der Ergebnisse der Diskussionen hochrangiger Fachleute auf dem Frühjahrskongress des Clubs.

Der Club of Logistics ist ein Think Tank der europäischen Logistikindustrie, der seine Aufgabe darin sieht, die Meisterung der Herausforderungen für die Logistik mit kreativen Ideen zu fördern und eine umfassende Wissensbasis für die Bewältigung der künftigen Aufgaben des drittgrößten Industriezweigs Deutschlands zu erarbeiten. Es handelt sich also nicht um ein traditionelles Lobbyinstrument – davon gibt es inzwischen genug. Der Club zielt vielmehr auf die Schaffung eines soliden Fundaments aus Expertise, Know-how und Vernetzung (sowohl unter den Mitgliedern als auch mit Politik, Gesellschaft und Forschung), das der europäischen Logistikindustrie das erfolgreiche Überleben in turbulenten Zeiten erleichtern und ermöglichen soll. Nicht zufällig bezeichnet sich der Verein auch als „Club der Visionäre“.

Das wichtigste Instrument zur Erfüllung dieser Aufgabe sind Fachkongresse, auf denen sich die Mitglieder – sämtlich hochrangige Manager von europäischen Unternehmen der Logistik sowie logistiknaher Wirtschaftsbereiche – mit renommierten Fachleuten aus Wirtschaft, Forschung und Politik austauschen und gemeinsam Lösungsstrategien und -konzepte erarbeiten. Auf dem jüngsten Kongress des Clubs, der am 16./17. Mai 2022 im bayerischen Rottach-Egern stattfand, stand nichts Geringeres auf der Tagesordnung als die dramatischen Verschiebungen der globalen Wirtschaftsordnung, die durch Pandemie, Wirtschaftskrisen und Krieg ausgelöst wurden und zu einer in ihren Folgen noch nicht absehbaren Umwälzung der regionalen und internationalen Einfluss- und Machtstrukturen führen wird.

Ende der Illusionen

Unter der Überschrift „Umbruch in der Weltwirtschaft: Von Absteigern, Platzhirschen und Gewinnern“ debattierten u.a. Historiker, Wirtschaftswissenschaftler, Politologen und Unternehmensvertreter die Lage der Logistikindustrie in unsicheren Zeiten.

Wie nicht anders zu erwarten, beherrschte der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, den mehrere der Experten als „Angriff auf Europa“ klassifizierten, die vier Talkrunden. Generell herrschte Einigkeit über einen Punkt: Die noch vor kurzem als unverrückbar angesehene Überzeugung in den Ländern des Westens vom Ende militärischer Eroberungsfeldzüge und vom Siegeszug friedlichen Wettstreits der Völker auf den globalen Märkten erweist sich als verfrüht, ja verfehlt. Dass dem postnationalen Denken die Zukunft gehört, ist nach übereinstimmender Ansicht der Diskutanten eine krasse Fehleinschätzung, wie sich schon vor dem Krieg, bei der internationalen Bekämpfung der Coronapandemie, herausgestellt hatte. Alleingänge von Nationen, das aggressive nationalistische Agieren Chinas nach innen und außen, protektionistische Maßnahmen rund um den Globus sowie die Ohne-Rücksicht-auf-Verluste-Gelddruckpolitik der Notenbanken wurden als schwere Belastungsfaktoren für die Weltwirtschaft ausgemacht.     

Auch bei der Erörterung der Frage, wie sich der Krieg in der Ukraine auf das wirtschaftliche, politische und militärische Kräftegleichgewicht in der Welt auswirken wird, herrschte weitgehend Einigkeit: Russland wird unabhängig vom Kriegsausgang auf absehbare Zeit als Wirtschaftsmacht keine große Rolle mehr spielen. Die transatlantischen Beziehungen erfahren eine langfristige Stärkung, wobei die Rivalität zwischen den Weltmächten USA und China sich immer mehr in den Vordergrund schieben wird. Der Druck von Seiten der USA auf die europäische Politik, sich eindeutig auf Seiten des Westens und gegen China zu positionieren, dürfte angesichts dieser wachsenden Gegnerschaft in den kommenden Jahren stark zunehmen. Dass Europa in diesem Kräftemessen der Giganten zum Spielball werden wird, ist für die Fachleute eine reale Gefahr. Prof. Ulrich Schlie, Inhaber der Henry-Kissinger-Professur am Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, brachte die Situation auf die griffige Formel: „Europa ist weltweit eindeutig der Underperformer.“ Ob Europa sich eine gewisse Eigenständigkeit und unabhängige Handlungsfähigkeit bewahren könne, hänge davon ab, wie lernfähig Europa sei und welche Geschwindigkeit es dabei entwickeln könne.

Die Systemfrage stellt sich neu

In diesem Zusammenhang analysierten die Talkgäste intensiv die unterschiedlichen Bewertungen des Aufstiegs Chinas zur Weltmacht. Während es international Stimmen gibt, die von der Überlegenheit des autokratischen Weges des Reichs von Xi Jinping überzeugt sind, fand diese Sicht der Dinge bei den Experten in Rottach-Egern wenig Zustimmung. Insbesondere Prof. Stefan Kooths, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel und Direktor des Forschungszentrums Konjunktur und Wachstum, machte sich für die langfristige Überlegenheit des Westens im Ringen der Systeme stark. „Der autoritäre Wahrheits- und Überlegenheitsanspruch einer Autokratie verhindert offene Fehleranalyse und damit die Korrektur von bedrohlichen Fehlentwicklungen.“ Die Stärke demokratischer Systeme liege darin, Fehler zu korrigieren und damit langfristige Stabilität zu erzeugen.

Zur Selbstzufriedenheit bestehe allerdings kein Anlass, da waren sich alle anwesenden Diskutanten einig. So sei auch Deutschland kein Vorbild, wenn es um die ehrliche Fehleranalyse gehe. Prof. Markus Taube, Inhaber des Lehrstuhls Ostasienwirtschaft/China an der Mercator School of Management der Universität Duisburg-Essen, beklagte den „eklatanten Mangel an strategischem Denken“ in Europa, während Dr. Michael Böhmer, Chefvolkswirt und Leiter Corporate Solutions der Prognos AG, zur Eile bei Technologieentwicklung, Produktivität und politischem Auftreten mahnte: „Wir müssen uns beeilen, denn wir hinken hinterher.“ Das Gewicht Europas in der Weltwirtschaft sei im Sinken begriffen. Es fehle auch am Willen zu Wachstum und Wettbewerb, wie mehrere Talkgäste beobachteten.

Dennoch, so der Konsens der Talkrundenteilnehmer, sei es noch zu früh, Europa endgültig abzuschreiben. Die Liste der Züge, die den Bahnhof bereits verlassen haben und denen die europäischen Staaten hinterherlaufen, sei zwar lang (Digitalisierung, Internetwirtschaft, Künstliche Intelligenz, Quantencomputing etc.), neben Teilen der smarten Produktion sei es aber vor allem die Klimatechnologie, bei der sich Europa international an die Spitze setzen könne – allerdings nur, wenn Überbürokratisierung, lähmende Regulierungsprozesse und Defizite bei Bildung und Infrastruktur zügig abgebaut werden.

Logistik im Umbruch

Die Logistikindustrie erfährt derzeit gravierende Veränderungen in den Rahmenbedingungen, unter denen sie künftig operieren muss. Zu den wichtigsten zählen nach Ansicht des Expertenpodiums ein dauerhafter Einbruch beim Ost-West-Handel im Gefolge des Krieges um die Ukraine, eine zunehmende Verlagerung von Produktionsstätten aus China in andere Länder Asiens oder zurück nach Europa sowie der Rückschlag bei der Zuverlässigkeit der Supply Chains, die laut Matthias Magnor, Vorstand Contract bei der BLG Logistics Group, momentan nur noch bei 30 Prozent liegt. Da die Logistik der Produktion folgt und die Neuordnung von Lieferketten Zeit erfordert, werde es für die Unternehmen immer schwieriger, ihre Liefertreue beizubehalten. Daher und wegen der steigenden Inflation gebe es in den Produktionsbetrieben Tendenzen, Teile zu horten, also die Lagerbestände zu erhöhen. Aus einer Just-in-Time-Logistik wird so eine Just-in-Case-Logistik. Dies wiederum vergrößert den Bedarf an Lagerflächen und wird nicht nur zu einem Kostentreiber, sondern stößt auch auf Gegenwind in einer Gesellschaft, die Logistikimmobilien ablehnend gegenübersteht.

Die versammelten Experten sehen keinen einfachen Weg, China in großem Stil durch andere Produktionsstandorte zu ersetzen. Das dort aufgebaute Qualitäts-Know-how lasse sich, so der Tenor, nicht einfach und schnell an neue Orte wie Vietnam oder die Philippinen verpflanzen. Längerfristig könnte demnach Afrika zu einer Option für die Belieferung von Europa werden. Dazu müssten dort aber Qualitätsorientierung und politische Stabilität verbessert werden.

Mit einer spürbaren Entspannung der derzeitig hoch volatilen Situation in der Logistikindustrie rechnen die Fachleute kurzfristig nicht. So schätzt etwa Andreas Kujawski, Geschäftsführer des Frachtspeditionsdiensts Savino del Bene, dass eine Besserung nicht vor Mitte 2023 zu erkennen sein wird.

Generell hat sich die Logistik nach Ansicht der Talkgäste in den letzten Jahren in Politik und Gesellschaft als systemrelevant be- und erwiesen. Dies habe das Ansehen des Wirtschaftszweigs gestärkt, der jetzt in der Lage sei, aus dem Arbeitskräftepotenzial neue Talente anzuziehen. Von der klugen Steuerung der Unternehmen durch diese anspruchsvolle Zeit werden Erfolg oder Misserfolg beim Überleben auf den veränderten Märkten abhängen.

Aus Talkgästen werden Club-Mitglieder

Der intensive und fruchtbare Gedankenaustausch zwischen den in den Talkrunden in Rottach-Egern auftretenden Experten und den Mitgliedern des Club of Logistics hatte einen für Vorstand und Geschäftsführung des Clubs unerwarteten und erfreulichen Nebeneffekt: Drei Talkgäste – Mario Cavallucci (Managing Director CEVA Logistics), Andreas Kujawski (Geschäftsführer Savino del Bene) und Jane Enny van Lambalgen (CEO Planet Industrial Excellence) – sowie der als interessierter Gast eingeladene CoFounder und COO von MotionMiners, Sascha Kaczmarek, unterschrieben unmittelbar nach Ende der Veranstaltung die Beitrittsdokumente zum Club of Logistics, dessen Mitgliederzahl damit auf rund 120 anstieg. Das Kongresskonzept mit den zahlreichen Vernetzungsmöglichkeiten mit Spitzenkräften unterschiedlichster Branchen, Forschungsrichtungen und gesellschaftlichen Gruppen hatte sowohl Gäste als auch Talkgäste ganz offensichtlich stark beeindruckt.

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